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Geburtstag, der 70.

Er rückt unausweichlich näher – der 70. Geburtstag. Ende August, in der heißesten Jahreszeit, in der es gelegentlich die ersten Frühnebel gibt. Zu meinem Ärger werden diese von irgendwelchen Leuten als Herbstbeginn gedeutet. Das Phänomen „Spätsommer“ ist wohl auch als Wort schon kein Begriff mehr. Die Spinnwegräder in den Bäumen, der Frühnebel, der aus dem Boden kriecht, die Stoppelfelder mit ihren harten kurzen Halmen, wenn es sie denn noch gibt – das alles gehört dem Spätsommer an. Und in diese wunderbar reife Jahreszeit bin ich hineingeboren. Natürlich habe ich keinen eigenen Eindruck von meiner Geburt, die mir von meiner Mutter immer als äußerst schmerzhaft und furchtbar geschildert wurde. Ich war ihr erstes Kind, und damals musste man sich noch „zusammenreißen“ bei den Wehen und – ja, es war auch Krieg. Fern vom tatsächlichen Kriegsgeschehen kam ich in Ostpreußen auf die Welt. Meine Mutter ohne die Unterstützung meines Vaters, der im Elsass als Arzt bei der Luftwaffe stationiert war. Meine Mutter im Haus der Schwiegereltern uner dem Regiment ihrer Schwiegermutter Charlotte.

Vor zwei Jahren fuhr ich mit einem noch lebenden Cousin meines Vaters und seinem Sohn ins nördliche Ostpreußen. Wir wohnten auf dem Land in der Nähe meiner Geburtsstadt Gumbinnen – jetzt Gusev auf russisch. Unser russischer Kontaktmann brachte uns in ein Haus, das früher die Geburtsklinik von Gumbinnen war. „Und hier bist Du auf die Welt gekommen“, meinte er. Ich mag das glauben wollen, weiß ich doch nicht, ob ich in einer Klinik oder im Haus der Großeltern geboren wurde, und weiß ich doch auch nicht, ob dies die einzige Klinik war, in der Kinder auf die Welt geholt wurden Aber ich habe einen Ort, der möglich ist für meinen Lebensanfang, und das gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Wie eine Verankerung. Es ist ein schönes altes Gebäude, mit verwitterten Fensterläden und geschwungenen hölzernen Treppengeländern. Charmant und stimmungsvoll. Das will ich gerne als Mythos meines Lebensbeginns behalten, anders als meine Mutter, die öfter davon sprach, dass sie so klein und verhutzelt auf die Welt kam, dass die Verwandtschaft zu ihrer Mutter sagte: „Gib sie zurück“. Allen Unkenrufen zum Trotz: sie war fast 92 Jahre alt als sie starb. Ob ich noch weitere 22 Jahre schaffe?

Dies hab ich im Juli 2013 geschrieben, so lange hat es gedauert, bis ich die Idee mit dem blog in die Tat umgesetzt habe.

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